Seit gut zehn Jahren wird der Eurofighter in Serie produziert. Gut 410 Exemplare des Kampfjets sind seitdem ausgeliefert. Doch jetzt erschüttert ein Qualitätsproblem das Industriekonsortium aus vier europäischen Ländern. Der britische Konzern BAE Systems stellte erst jetzt einen Produktionsfehler an zahlreichen Bohrungen am Rumpfhinterteil des Jets fest. Die Bohrungen wurden „unzureichend entgratet“, also das Bohrloch nicht sachgerecht nachbehandelt. Betroffen seien alle bisher ausgelieferten als auch in der Produktion befindlichen Flugzeuge aller Eurofighter-Nationen, heißt es in einem Brief von Verteidigungsstaatssekretär Markus Grübel, der der „Welt“ vorliegt.
In der Branche herrscht jetzt Rätselraten und Alarmstimmung. Wie konnte ein Produktionsfehler über Jahre hinweg von den Qualitäts- und Güteprüfern der Luftwaffen von Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien, Österreich und Saudi-Arabien übersehen werden, lautet eine Schlüsselfrage. Der Fehler wurde nicht von den Kunden, sondern offensichtlich vom Hersteller selbst entdeckt. Am 22. September informierte der Leiter Militärflugzeuge der Sparte Airbus Defence & Space das Bundesverteidigungsministerium „über Abnahmeverzögerungen mit Produktionsstop“ in der britischen Produktionslinie. Ein Eurofighter kostet die Luftwaffe samt Ersatzteile und Service insgesamt knapp 100 Millionen Euro – und jetzt werden nach Jahren Produktionsfehler publik.
Weil die Auswirkungen auf die Lebensdauer des Eurofighter-Rumpfes noch nicht absehbar sind, wurde die Einsatzzeit des Kampfjets von der Industrie von bislang 3000 Flugstunden auf 1500 Stunden halbiert, heißt es in dem Schreiben des deutschen Verteidigungsstaatssekretärs. Damit ist offensichtlich die Zeit zwischen großen Inspektionsterminen gemeint. Die deutsche Luftwaffe veröffentlichte eine Stellungnahme, wonach die aktuellen Einsätze, die Bereitschaft oder die Flugsicherheit nicht eingeschränkt sind – weil kein Jet bislang so viele Stunden geflogen ist. Das Debakel um die fehlerhaften Bohrungen am Eurofighter ist ein weiterer Höhepunkt in der Diskussion um marodes Material und die bedingte Einsatzbereitschaft der Streitkräfte. Dabei zeichnet sich der nächste große Knall zwischen Bundesverteidigungsministerium und Rüstungsindustrie ab.
Das Ministerium stoppte nach eigenen Angaben wegen des Fertigungsmangels am Eurofighter die Abnahme weiterer Maschinen. Zuerst müssten die wirtschaftlichen Folgen und Ansprüche aus der „Minderleistung“ geklärt werden, so die Bundeswehr. Es geht um die Frage der Schadenersatzregelung und ob diese rückwirkend greift, wenn Kampfjets bereits abgenommen wurden. Von 109 Eurofightern der Bundeswehr sind derzeit nur 42 voll einsatzfähig. Dem Eurofighter-Konsortium mit Airbus-Group-Gesellschaften aus Deutschland und Spanien, BAE Systems (Großbritannien) und Alenia Aermacchi (Italien) drohen womöglich immense Schadenersatzforderungen. Von den Firmen war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Jeden Qualitätsmangel des Kampfjets schlachtet zudem die Konkurrenz, wie Lockheed Martin mit dem Modell F-35 oder Dassault mit der Rafale, genüsslich für eigene Interessen aus. So hoffte Eurofighter insgeheim, in Indien bei einer Multi-Milliarden-Bestellung zum Zug zu kommen, obwohl der Zuschlag an das Modell Rafale aus Frankreich ging.
Der Fehler am Eurofighter dürfte das ohnehin angespannte Verhältnis der Rüstungssparte der Airbus-Group zur Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen weiter belasten. Es besteht die Gefahr, dass vom Ministerium auch beim neuen Transportflugzeug A400M die Formel angewendet wird: So lange die Industrie eine Minderleistung liefert und die wirtschaftlichen Konsequenzen nicht geklärt sind, gibt es keine Abnahme und damit keine Bezahlung. So will die Airbus-Group nach jahrelangen Verzögerungen im November ein erstes Modell des Transall-Nachfolgers A400M an die Luftwaffe übergeben.
Es ist unsicher, ob diese Maschine von Bundeswehr-Prüfern so akzeptiert wird, weil sie nur eingeschränkte Einsatzeigenschaften hat. Auch hier ist von Minderleistungen der Industrie die Rede.